

Zwei Freunde, Anna und Ben, sind beide 35 Jahre alt. Und beginnen am selben Tag, sich um ihre Altersvorsorge zu kümmern.
Beide gehen mit unterschiedlichen Strategien ins Rennen.
Anna zahlt jeden Monat 300 € in ein breit gestreutes Portfolio ein. Die Erträge lässt sie im Depot, sie werden automatisch mitinvestiert.
Über die Jahre erzielt sie eine durchschnittliche Rendite von 5 % pro Jahr.
Ben zahlt jeden Monat 500 € auf ein Tagesgeldkonto ein. Sicher, liquide, mit 1 % Zinsen pro Jahr.
Beide wollen mit ihrer Strategie ihre Altersvorsorge absichern. Und haben dafür bis zum Alter von 65 Jahren denselben Zeitraum zur Verfügung: 30 Jahre.
Quizfrage: Wer hat von den beiden am Ende mehr Geld zur Verfügung?
Die Grafik zeigt die Summe der Einzahlungen, ohne Berücksichtigung der Zinsen.
Die meisten Menschen, denen ich dieses Beispiel zeige, tippen auf Ben. Das ist nachvollziehbar:
Rein intuitiv wirkt es absurd, dass die Person mit der kleineren Einzahlung am Ende vorne liegen könnte.
Das ist kein Zufall und keine Ausnahme, sondern ein dokumentiertes Muster. In Studien zum sogenannten Exponential Growth Bias erwartet die Mehrheit der Menschen, dass Ersparnisse über Jahrzehnte linear statt exponentiell wachsen und unterschätzt dadurch systematisch, wie viel am Ende tatsächlich zusammenkommt (1). Genau dieser Denkfehler steckt hinter der Intuition, Ben müsse vorne liegen.
Und doch ist genau das Gegenteil der Fall.
Nach 30 Jahren steht es so:
Anna hat rund 40.000 € mehr, obwohl sie deutlich weniger eingezahlt hat.
Der Unterschied im Ergebnis der beiden ist keine mathematische Spielerei oder Glück. Er basiert auf einem einzigen Prinzip: dem Zins über die Zeit.
Bei Ben verzinst sich zwar etwas, aber auf Grund des niedrigen Zinssatzes ist sein Wachstumshebel die Höhe seiner Einzahlungen.
Überspitzt formuliert: Sein Endkapital ist im Wesentlichen die Summe seiner Einzahlungen plus ein kleiner Zinsaufschlag.
Bei Anna arbeitet nicht nur ihr eingezahltes Kapital, sondern auch jeder Ertrag, den dieses Kapital erwirtschaftet.
Die Zinsen werden mit verzinst und liefern mehr Zinsen
Obwohl es "nur" 4 Prozentpunkte Unterschied sind (5 % statt 1 %), ist der Wachstumshebel bei ihr eher der Zins als die Summe der Einzahlungen.
Dieses Prinzip ist der Zinseszins-Effekt: Du verdienst nicht nur Zinsen auf dein eingesetztes Kapital, sondern auch Zinsen auf die bereits erzielten Zinsen.
Dieser Effekt ist am Anfang kaum spürbar. Denn er wächst nicht linear, sondern exponentiell.
Genau das macht ihn so schwer greifbar und so mächtig. Wenn man ihm genug Zeit gibt.
Schau dir einmal die Entwicklung der Zinszahlungen im Verlauf an:
Hier siehst du den eigentlichen Treiber für die unterschiedliche Entwicklung.
Der Kapitalstock wächst bei Ben zunächst stärker, weil seine Einzahlungen höher sind.
Seine Einzahlungen selbst wachsen linear: jeden Monat kommen exakt 500 € dazu. Das können wir uns gut vorstellen.
Weil der Zinsanteil bei 1 % über lange Zeit klein bleibt, wirkt auch seine Gesamtentwicklung fast linear. Wir blenden die Zinsen gedanklich einfach aus, weil sie kaum ins Gewicht fallen. Tatsächlich verzinsen sie sich aber genauso mit wie bei Anna. Nur eben zu schwach, um es zu bemerken.
Und das ist keine Ausrede fürs eigene Bauchgefühl: Forschung zum Exponential Growth Bias zeigt, dass Menschen exponentielle Entwicklungen systematisch linearisieren, wenn sie sie intuitiv einschätzen. Mit realen Konsequenzen fürs Finanzverhalten (2).
Bei Anna hingegen nimmt der Anteil der Zinsen jedes Jahr überproportional zu. Diese exponentielle Entwicklung können wir uns nicht vorstellen. Und trotzdem ist sie real.
Die Zahlen in diesem Beispiel sind bewusst einfach gewählt, um den Mechanismus sichtbar zu machen, nicht als Renditeversprechen.
Was du aus Annas und Bens Geschichte trotzdem mitnehmen kannst:
Je länger die Anlagedauer, desto größer die Wirkung
Hätten Anna und Ben nach 20 Jahren aufgehört, hätte Ben vorne gelegen. Der Zinseszins-Effekt entfaltet seine volle Kraft nicht nach ein oder zwei Jahren, sondern erst später.
Je höher der Zinssatz, desto größer der Effekt
Auch Bens Vermögen entwickelt sich exponentiell. Auf Grund des niedrigeren Zinssatzes jedoch deutlich langsamer.
Der Unterschied zwischen 1 % und 5 % wirkt auf den ersten Blick klein.
Über 30 Jahre und mit reinvestierten Erträgen entscheidet genau dieser Unterschied darüber, ob am Ende 210.000 € oder 251.000 € zur Verfügung stehen. Trotz deutlich geringerer Einzahlung.
Was kommt bei deinen Vorgaben am Ende raus? Rechne es dir selbst durch.
Hier der Link zum Anspar-Rechner
Inflation: Der Dieb, den du nicht bemerkst
Diversifikation: Nicht alle Eier in einen Korb - aber auch nicht in einen Raum
(1) McKenzie, C. R., & Liersch, M. J. (2011). Misunderstanding savings growth: Implications for retirement savings behavior. Journal of Marketing Research, 48, S1–S13.
https://doi.org/10.1509/jmkr.48.SPL.S1
(2) Stango, V., & Zinman, J. (2009). Exponential Growth Bias and Household Finance. The Journal of Finance, 64(6), 2807–2849.